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Archiv des Konzertlebens

"Wie Steuermann – um nur ein Beispiel anzuführen – die Phrase mit den Sechzehntel-Triolen ausführte –, in einer höchsten Freiheit der Phrasierung, die uneingeschränkt blieb von der Herrschaft des Rhythmus und doch im höchsten Sinne rhythmischer Teil des ganzen blieb. Es war eine wahre Wundertat."    Gottfried Kassowitz an Alban Berg, Brief, Wien, 10.03.1920
 

Das Projekt Archiv des Konzertlebens widmet sich der Erhaltung, Digitalisierung und analytischen Erfassung von traditionell als "ephemer" disqualifizierten Überlieferungsträgern des Konzertlebens, wie Konzertprogrammen, -kritiken und einschlägigen Tonaufzeichnungen klassischer westlicher Kunstmusik.

Die Programmsammlung des SIM umfasst etwa 12.000 Konzert-, Opern-, Theater- und Revueprogramme aus den 1770er bis 1990er Jahren, die überwiegend aus Berlin, aber auch aus anderen Städten und Ländern stammen. Diese für den direkten Gebrauch produzierten Hefte und Zettel sind unschätzbare Dokumente der Musikkultur und Dokumente, die im Gegensatz zu Büchern oder Zeitschriften selten systematisch gesammelt und erschlossen wurden. Einige Konvolute – wie die von dem Berliner Organisten Bernhard Irrgang (1869–1916) gesammelten Programme eigener Konzerte – haben unikalen Charakter, andere Programme weisen Veranstaltungsorte nach, über die heute nichts mehr bekannt ist.

Anliegen des Projekts ist es, diese Dokumente mit angemessener konservatorischer Sorgfalt zu erhalten, sie öffentlich sichtbar und nutzbar zu machen und so für ihre Bedeutsamkeit zu werben. Ein wesentlicher Aspekt der Bestandserfassung ist daneben die Vermittlung der Informationen über die Dokumente und deren Inhalte. Qualität und Tiefe der Datenerfassung sind sowohl in Hinblick auf die Findbarkeit der Dokumente als auch auf den Nutzen für die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit von entscheidender Bedeutung – so kann beispielsweise nach Tagesdaten, nach Personennamen oder Instrumenten gezielt gesucht werden. Der Bestand wird zu diesem Zweck in einer    Datenbank detailliert erfasst, die Digitalisate der Dokumente werden sind Teil der    Digitalen Sammlungen des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz.

Eine weitere Errungenschaft des Projektes ist die Digitalisierung des von Gotthard Schierse begründeten Berliner Konzertanzeigers "Führer durch die Konzertsäle Berlins" (zuletzt erschienen unter dem Titel "Konzertführer Berlin Brandenburg"). Der als Geschenk der    Gotthard-Schierse-Stiftung im Archiv der Berliner Universität der Künste aufbewahrte und umfangreichste zusammenhängende Bestand wurde durch Hefte aus dem Nachlass Gotthard Schierses und aus dem Bestand des SIMPK ergänzt, digitalisiert, mit Meta- und Strukturdaten versehen und online als    Kollektion Konzertführer Berlin Brandenburg 1920–2012 veröffentlicht. In ca. 1.900 Heften sind die Berliner Konzerttermine zwischen 1920 und 2012 in Form von Vorankündigungen nachgewiesen und im Volltext durchsuchbar. Mehr Informationen zu dieser Kollektion siehe den Menüpunkt   Konzertführer Berlin Brandenburg 1920–2012.

Das Teilprojekt zur   Wiener Schule hat zum Ziel, am Quellenkorpus der schriftlichen Dokumente zur Aufführungslehre der Wiener Schule exemplarisch zu demonstrieren, wie schriftliche Zeugnisse zur Aufführungspraxis und musikalischen Interpretation in digitaler Form gesammelt und mit aktuellen Techniken der Wissensorganisation online recherchierbar, annotierbar und verknüpfbar vorgehalten werden können. Das im Entstehen begriffene neue Langzeitprojekt des SIMPK "Geschichte der musikalischen Interpretation" wird so gleichzeitig mit Quellenmaterial unterstützt.

Eine   Topographie des Berliner Konzertlebens 1880–1945 haben wir in einem weiteren Projektmodul als interaktive Karte realisiert. Sie verzeichnet etwa 250 historische geographische Orte wie Ministerien, Ausbildungsstätten, Musikverlage, Musikinstrumentenbauer, Konzertsäle und Wohnungen von Interpreten und Komponisten. Die intuitive Bedienung der Karte lädt zum Stöbern und Entdecken ein. Das Topographie-Projekt leistet damit einen speziellen Beitrag zur Dokumentation eines erst lückenhaft aufgearbeiteten Terrains der regionalen Musikgeschichte.

Die Programmsammlung wurde zu Projektbeginn im Sommer 2013 neu kollationiert und zwischen November 2013 und September 2014 digitalisiert. Seit Einrichtung der Katalogdatenbank im Mai 2014 bis Mai 2016 wurden die Programme, die in den Programmen nachgewiesenen Ereignisse und die Auswertungsergebnisse aus dem Teilprojekt zur Wiener Schule katalogisiert und die Digitalisate mithilfe der Anwendung    Goobi in die    Digitalen Sammlungen des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz exportiert.

Projektteam:

Anja Fischer M.A. (Bibliotheksangestellte), Dr. Julia Heimerdinger (Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Projektleitung), Ralf Kwasny M.A. (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Teilprojekt Wiener Schule), Sabrina Radatz B.A. (Bibliotheksangestellte)

Das Projekt wurde von Juli 2013 bis Ende Oktober 2014 aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.

Eine großzügige ergänzende Förderung erhielt das Projekt aus dem Nachlass der Eheleute Ursula und Dr. Ernst Friedhelm Suchalla.

Logo Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien