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Aus unserer Sammlung

Baryton (Kat.-Nr. 4655) aus der Sammlung des MIM.
Gebaut von Hanns Kogl, Wien 1679.
Foto: Jürgen Liepe
Portrait Joseph Haydns aus dem Jahr 1791
von Thomas Hardy (1757 – c.a. 1805).










Das linke Photo zeigt noch einmal das Baryton von Hanns Kogl, Kat.-Nr. 4655. Daneben hängt ein kleines Baryton (Kat.-Nr. 4656), das von Josef Neuer aus Passau in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gebaut wurde.
 

Das Baryton - vorgestellt von Annette Otterstedt

Joseph Haydn nutzte es in Kompositionen für seinen Fürsten und auch Leopold Mozart, der Vater Wolfgang Amadeus Mozarts, war begeistert von dem seltenen Instrument mit den zusätzlichen Saiten hinten am Hals. Das Baryton – wenngleich berühmt umschwärmt – verlangte viel von seinen Spielern. Für seinen einzigartig summenden Nachklang mussten nicht nur die Spiel- sondern weitere Resonanzsaiten beherrscht werden. Hoch komplex und eher für eingefleischte Liebhaber, verschwand es nach einer kaum 100jährigen Karriere in den 1770ern. Heute beherrscht das Baryton kaum noch jemand und auch seine Entwicklungsgeschichte gibt Rätsel auf. Dr. Annette Otterstedt – Forscherin am Staatlichen Institut für Musikforschung in Berlin – gehört zu den wenigen, die dem Baryton auch heute noch stimmige Töne – und Geschichten – entlocken können.

Frau Otterstedt, wie kamen Sie auf ein seltenes Instrument wie das Baryton?

Zum Baryton gelangte ich eher auf Umwegen, und zwar über ein anderes Instrument, das Resonanzsaiten aufweist – die englische Lyra viol. Sie ist eine Sonderform der Viola da gamba und war am englischen Hof zwischen 1600 und den 1650ern sehr beliebt. Ich selbst habe die Viola da gamba studiert und bin bis heute aktive Gambistin. Es war für mich eine Offenbarung, als ich (eigentlich per Zufall) herausbekam, dass es in England neben der reichen Ensemblemusik eine Sololiteratur gab, in der die Gambe in zahlreichen wechselnden Stimmungen gehandhabt wurde. Man blieb bei den üblichen sechs Saiten, aber die Stimmungen wurden so extrem, dass man umbesaiten musste. Die damals genutzten glatten Darmsaiten klingen kraftvoll, aber mit zunehmendem Durchmesser werden sie eher dumpf, d.h. sie klingen nur wenig nach. 1609 beantragten zwei Instrumentenbauer in London ein Privileg, Instrumente mit einem zweiten Bezug aus Metall zu versehen, der mitklang - "to better the sound". Die Lyra viol war just ein Beispiel für diese neue Besaitung. Ihre Resonanzsaiten aus Metall konnten nicht mit den Fingern erreicht werden, sondern schwangen mit, wenn die Spielsaiten angespielt wurden. Das Instrument faszinierte mich, aber leider gab es keine Originale. Ich ließ deshalb aus Neugier eines nach den Beschreibungen rekonstruieren. Der Musikhauptmeister am englischen Hof, Alfonso Ferrabosco d.J., vermerkte einmal, er sei kein Mann von viel Gerede. Darüber habe ich oft gelacht, denn wenn er ein Instrument gehabt hat, wie ich eines besitze, dann wäre er auch gar nicht zu Wort gekommen, denn die Lyra viol ‚quasselt‘ ununterbrochen. Jede Anregung – Türenschlagen, menschliche Stimmen, sogar ein starker Windstoß – bringt die Resonanzsaiten zum Klingen. Die auf den Spielsaiten angestrichenen Akkorde werden von den Resonanzsaiten verlängert. Ganz verrückt wird es, wenn zwei solcher Instrumente zusammenspielen. Es kann dann zu Interferenzen kommen, so dass der Akkord des einen Instrumentes von den Resonanzsaiten des anderen Instrumentes aufgenommen wird. Der Ausgangspunkt für mein Interesse war also nicht das Baryton, sondern die Lyra viol.

Und das Baryton war dann der nächste logische Schritt für Sie?

Im Grunde ja. Baryton und Lyra viol hängen mit der Viola da gamba zusammen, die ich studiert hatte. Während die Lyra viol eine Gambe geblieben ist, besitzt das Baryton aber eine andere, sehr viel schwerere und stabilere Bauweise. Das Baryton treibt das Prinzip der Resonanzsaiten förmlich auf die Spitze. Bei der Lyra viol liefen die Saiten durch den Hals und konnten nicht mit den Fingern berührt werden. Anders beim Baryton. Wie bei der Lyra viol laufen die Resonanzsaiten ohne Unterbrechung über die Decke in den Hals. Beim Baryton wurde der rückwärtige Hals aber stark verbreitert – er wirkt richtig massiv – und hinten mit einer Öffnung versehen. Über sie gelangt man direkt zu den Resonanzsaiten, die mit dem Daumen der linken Hand separat gezupft werden können. Der Musiker kann sich dadurch selbst begleiten. Das Baryton hat außerdem eine wesentlich stärkere Besaitung als die Lyra viol. Da es auch sehr stabil gebaut ist und unter starkem Druck steht, wirken diese Faktoren dämpfend auf den Klang, der leise, obertonreich, gewissermaßen "sirrend" ist. Die Resonanzsaiten hingegen haben gezupft einen starken Klang. Er mischt sich mit den Spielsaiten auf aparte Weise und klingt lange nach.

Das heißt, trotz Ähnlichkeiten kann man also keine direkte Entwicklungslinie zwischen den beiden Instrumenten ziehen?

Der Ursprung des Baryton gibt im Grunde bis heute Rätsel auf. Gesichert ist, dass es kurz nach dem Niedergang der englischen Lyra viol auf dem Kontinent in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Fuß fasste. In England war das Instrument mit den Resonanzsaiten innerhalb weniger Generationen vergessen. Wir wissen aber auch, dass einige englische Gambisten das Baryton spielten – aber kurioserweise anscheinend nicht in England, sondern auf dem Kontinent. Dazu stammen die ältesten erhaltenen Instrumente aus dem böhmischen Raum. Wie die Instrumente sich aber zwischen beiden Regionen verbreitet haben, ist alles andere als klar. Diese Unklarheiten haben immer wieder zu verschiedenen Hypothesen geführt. Curt Sachs (1881–1959), langjähriger Leiter des MIM hier in Berlin, glaubte etwa an Einflüsse aus Indien. So meinte er, dass indische Resonanzprinzipien zuerst nach England ausstrahlten aufgrund des Fernhandels. Über die asiatische Landbrücke, so glaubte er, sei die Technik der Resonanzsaiten dann auf den Balkan und nach Böhmen gelangt. Aber neuere Forschungen lassen vermuten, dass auch in Indien Resonanzsaiten noch gar nicht so alt sind, sondern allenfalls um dieselbe Zeit entstanden. Der Ursprung der Resonanzsaiten und damit von Instrumenten wie dem Baryton bleibt also ein Rätsel.

Wie lässt sich erklären, dass diese Instrumente gerade im 17. und 18. Jahrhundert so beliebt waren?

Eine Rolle spielte vermutlich das wissenschaftliche Interesse der Zeit. Im 17. Jahrhundert begannen Mathematiker und Naturforscher, sich mit dem physikalischen Phänomen von "Sympathie", d.h. der Miterregung von Schwingungen bzw. Resonanzen auseinanderzusetzen und auch in der Musik zu beobachten. Auch in der Philosophie griff man das Thema auf. Die Ausbreitung von Schwingungen auf andere Körper – ob nun lebende Organismen oder Gegenstände – verstand man als „Mitklingen“ und Grundlage für Sympathie. Diese Konzepte förderten auch die Beliebtheit der Resonanzsaiten-Instrumente. Sie spiegelten quasi die intellektuellen Interessen. Zumindest bei der Lyra viol ist belegt, dass Intellektuelle und Musiker am Hof enge Beziehungen hatten zu Wissenschaftlern: Der naturwissenschaftlich interessierte Lordkanzler Francis Bacon erwähnte die Lyra viol in seinen Schriften. Auch Mathematiker vom Londoner Gresham College, die wiederum zu großen Denkern wie Mersenne, Descartes oder Napier Kontakt hielten, diskutierten das Phänomen weitläufig. Da passten die Lyra viol und auch das Baryton mit ihren Resonanzsaiten bestens, da ja hier Schwingungen zwischen den Saiten übertragen wurden und ein Nachklang entstand.
Heute ist das Baryton bekannt, weil der Fürst Eszterhazy, Josef Haydns Patron, dieses Instrument spielte und liebte. Haydn schrieb zahlreiche Trios mit Bratsche und Violoncello für den böhmischen Fürsten. Das ist aber eher die Ausnahme, denn das Baryton war im Grunde kein Ensemble- sondern ein Soloinstrument, das sich selber genügte. Es gibt ein paar handschriftliche Quellen, in denen die Musik für Baryton in französischer Lautentabulatur notiert wurde, mit darunterliegenden Zahlen für die Resonanzsaiten. Die Tatsache, dass die Musik handschriftlich überliefert ist, ist ein Hinweis darauf, dass das Instrument vorwiegend in private Zirkel gehörte und dass die "Szene" sich kannte und sich die Spieler und Tabulaturen austauschte. Das Instrument, gut gespielt, war sehr schwierig zu handhaben und eher ein Liebhaberstück.

Trotz der Popularität des Barytons am Hof Esterházys tritt es bereits im späteren 18. Jahrhundert seinen Niedergang an. Wie erklären Sie sich das rasche Verschwinden?

Ein Grund ist wohl das sehr unterschiedliche Niveau der Stücke. Es gibt einige, die an Trivialität kaum zu überbieten sind, die aber den Geschmack und das begrenzte Können der Laien trafen. Der Musikhistoriker Charles Burney (1726 – 1814) bringt den Niedergang mit niederschmetterndem Urteil auf den Punkt: In seiner Gesamtgeschichte der Musik höhnt er über die Gambe und das Baryton und fährt fort: „Der verstorbene M. Lidl (Andreas Lidl c.1740-c.1789, war zeitweise auch am Eszterhazy-Hof) spielte allerdings mit exquisitem Geschmack und Ausdruck auf diesem undankbaren Instrument, mit der zusätzlichen Verwirrung von Bass-Saiten auf der Rückseite des Halses, womit er sich selber begleitete. Das ist wunderbar zweckmäßig in der Wüste oder auch in einem Haus, wo es nur einen Musiker gibt. Aber sich die Mühe zu machen, sich selber in einem großen Konzert zu begleiten, umgeben von müßigen Ausführenden, die einem die Mühe abnehmen könnten und einem damit die Freiheit geben würden, die Hauptmelodie auszuführen, mit Ausdruck zu versehen und auszuzieren, scheint bestenfalls ein Stück Übererfüllung. Der Klang des Instrumentes trägt nichts bei, und es scheint bei der Musik wie beim Ackerbau zu sein: je dürrer und undankbarer der Boden, desto mehr Aufwand ist nötig für seine Kultivierung." Kurzum, die Klangwelt des Barytons passte nicht mehr zum guten Ton in den Augen der Musikkritiker.

Warum wissen wir heute noch, wie man es spielt?

Da das Baryton mit wenigen Ausnahmen eher im kleinen Kreis gespielt wurde, gingen viele Informationen verloren. Die meisten Tabulaturen sind auch erst in unserer Zeit wieder ans Licht gekommen, und wir sind froh, dass es überhaupt welche gibt. Hilfreich zur Rekonstruktion ist die enge Beziehung zur Gambe, deren historische Technik schon länger bekannt ist. Es waren auch Gambisten, die sich in unserer Zeit wieder dem Baryton zuwandten. Aber auch die Gambe hat einen langen Weg der Rekonstruktion hinter sich. Sie wurde zunächst als eine Art Möchtegern-Cello betrachtet und in dieser Weise auch traktiert. Erst allmählich kam man dahinter, wie sie eigentlich gespielt wurde. Das hat ein paar Generationen gedauert, aber als das gemeistert war, gab es auch fürs Baryton im Grunde keine Hürden mehr, außer dem zusätzlichen Training für das Zupfen der Resonanzsaiten. In jüngerer Zeit hat das Baryton wieder mehr Interesse gefunden; es gibt in England eine "Baryton Society", es werden neue Kompositionen geschrieben, und die Musiker tauschen sich aus. Es sind ziemlich viele originale Barytone erhalten, aber oft sind sie nicht mehr spielbar, weil sie die Spannung nicht mehr aushalten. Viele Leute denken, Instrumente müssten gespielt werden, um erhalten zu bleiben, aber das ist ein Trugschluss; wie jedes andere Material unterliegen sie dem Verschleiß, und je älter ein Instrument ist, desto gefährdeter ist es. Museen müssen immer damit rechnen, dass selbst ein gesund aussehendes Instrument innerlich Risse oder schwache Stellen haben kann. So kann es passieren, dass – scheinbar aus dem Nichts – ein Instrument plötzlich einfach zerreißt. Deshalb spielen wir auch unsere beiden Exemplare hier im Musikinstrumentenmuseum nicht mehr. Die letzte Person, die das Kögl-Baryton im MIM gespielt hat, war wahrscheinlich ich selbst im Rahmen einer Matinee mit meinem Kollegen Dr. Martin Elste im Jahr 1983. Schon damals war das Instrument problematisch; es schien Risse zu haben und war schwer hantierbar. Seitdem halte ich mich an meine geschwätzige Lyra viol.

Das Gespräch führte Silvia Faulstich.