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Curt Sachs: Berlin, Paris, New York – Wege der Musikwissenschaft

Multimediale Sonderausstellung anlässlich des 125. Geburtstages des Berliner Gelehrten

29. Juni bis 1. Oktober 2006

Staatliches Institut für Musikforschung PK
Musikinstrumenten-Museum
Tiergartenstraße 1
10785 Berlin

Was sind die Fragen der Musikwissenschaft? Was sind ihre Antworten? In mehreren Stationen dieser Ausstellung wird am Beispiel von Curt Sachs' Forschungen gezeigt, wie sehr die Musikwissenschaft als Disziplin nach außen wirkt, wie sehr ihre Fragen im Kontext allgemeiner Wissenschaftsideologie stehen und wie sie sich im Zeichen der Vermittlung ihrer Theorien, Thesen und Anliegen verändert hat.

Für so manchen Musiker und nicht wenige Musikfreunde ist Musikwissenschaft eine introvertiert-narzisstische Disziplin, über die man lächeln und sich lustig machen darf. Wozu überhaupt Musikwissenschaft, ist man versucht zu fragen und läuft Gefahr, ihr eine vorschnelle Absage zu erteilen. Nur wenigen ist bewusst, in welchem Maße sie das Musikleben der vergangenen hundert Jahre geprägt hat. Das beginnt mit den von Musikwissenschaftlern entdeckten und edierten Notenhandschriften in den Archiven. Ohne die im Hintergrund wirkenden Musikologen könnten wir uns beispielsweise nicht an Vivaldis "Vier Jahreszeiten" erfreuen. Und auch gestandene Berufsmusiker gründen ihre Interpretationen ebenso unbewusst wie selbstverständlich auf musikologischen Recherchen, wenn es etwa um Alte Musik geht. Zu guter Letzt ist all unser Denken über Musik maßgeblich von musikwissenschaftlichen Konzepten beeinflusst. Nur ein Beispiel, das uns direkt in die Sonderausstellung des Berliner Musikinstrumenten-Museums versetzt: der 1919 von Curt Sachs geprägte Begriff "Barockmusik" hat sich schnell weltweit durchgesetzt. Dabei ist er alles andere als selbstverständlich. Denn Sachs klassifizierte die Musik von einhundertfünfzig Jahren mit einem kunstgeschichtlichen Epochenbegriff.

Curt Sachs wurde vor 125 Jahren, am 29. Juni 1881 in Berlin geboren. Sein Lebenslauf verkörpert deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts: Humanistisch erzogen, leitete Sachs ab 1919 das Berliner Musikinstrumenten-Museum. 1933 musste er aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrieren und ging zunächst für vier Jahre nach Paris. 1937 übersiedelte er zusammen mit seiner Familie nach New York, wo er 1959 hochgeehrt verstarb.

Curt Sachs hat immer den Elfenbeinturm der Forschung verlassen, um mit seinen Recherchen und vor allem seinen unorthodoxen Gedanken nach außen zu wirken. Das führte 1930 zu dem damals bahnbrechenden Projekt einer klingenden Musikgeschichte auf Schallplatten, was er in seinem Pariser Exil mit der künstlerisch-wissenschaftlichen Leitung eines viel beachteten Schallplattenlabels mit alter Musik weiter ausbaute. Die Themen seiner Forschung waren aktuell und sind es auch heute noch. Für ihn war europäische Musik ein Teil der Weltmusik, lange bevor man mit diesem Begriff etwas bezeichnet, das dieses Phänomen eines universalen Kulturbegriffs wieder reduziert. In diesem Zusammenhang verdient es Erwähnung, dass aus seinem freundschaftlichen Kontakt zu dem Komponisten der "Carmina Burana", Carl Orff, die Anregung zu den Schlaginstrumenten des so genannten Orff-Schulwerks hervorging, die wohl jeder von uns irgendwann einmal im Musikunterricht kennen gelernt hat.

Neben seltenen schriftlichen und bildlichen Dokumenten werden natürlich auch Musikinstrumente zu sehen und viele Klangbeispiele zu hören sein. Zusätzlich findet vom 28. bis 30. September im Musikinstrumenten-Museum ein öffentliches musikwissenschaftliches Symposion zum Thema "Klang – Gedanke – Instrument. Curt Sachs und die Musikwissenschaft heute" mit internationalen Referenten statt.
Martin Elste

Kurator: Martin Elste
Telefon +49 (0)30 254 81-129