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Hausmusik

Das häusliche Musizieren erfreut sich einer langen musikhistorischen Tradition: Schon vor vielen Jahrhunderten kam man mit Laute, Flöte und Gesang, mit Gambe und mit Cembalo oder im Geigenduett zusammen, sich die freie Zeit mit Freunden und Familie vergnüglich zu vertreiben. Neben dem Adel pflegte seit dem 19. Jahrhundert besonders das (Bildungs-)Bürgertum diese künstlerische Form der Zerstreuung. Zahlreiche Bilder aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande, dem 17. Jahrhundert, dokumentieren das kammermusikalische Geschehen (mit unterschiedlichen Konnotationen) in den Bürgerhäusern der Holländer. Doch auch in anderen Regionen und bis heute ist die "Hausmusik" immer wieder Thema und Motiv in Werken der Bildenden Kunst – einschließlich der ihr zum Erlernen eines Instrumentes vorausgehenden "Musikstunde".


Jan Vermeer (um 1662–1664), Die Musikstunde, Royal Collection

Jan Vermeer: Die Musikstunde

Eine solche hielt der Delfter Künstler Jan Vermeer (1632–1675) auf seinem Gemälde de muziekles fest, das sich in der Royal Collection in London (RCIN 405346) befindet. Es entstand ca. 1662–64 und gehört zur Gattung der Genremalerei. Das Bild zeigt das Zimmer eines bürgerlichen Hauses im Holland des 17. Jahrhunderts. Die Fenster der linken Seite fungieren in für Vermeer typischer Weise als Lichtquelle, während die perspektivische Anlage der blau-weißen Boden-Fliesen und der etwas tiefer gelegene Ausgangspunkt des Malers respektive des Betrachters einen dreidimensionalen Raum suggerieren. In verschiedenen Ebenen staffelt Vermeer Objekte und Gegenstände: Angefangen bei einem mit einem dicken Tuch bedeckten Tisch über einen Stuhl, hinter dem, halb im Verborgenen, ein größeres Streichinstrument (vermutlich eine Gambe) sich befindet, hin zu einem an der hinteren Wand des Raumes aufgestellten Virginal, auf dem, mit dem Rücken zum Betrachter, eine junge Frau spielt.

Bei dem Virginal handelt es sich vermutlich um ein Muselaar aus der Werkstatt der Familie Ruckers, die seit etwa 1580 den flämischen Cembalobau prägte. Muselaare zeichnen sich durch eine Klaviatur in der rechten Hälfte des Instruments und einen grundtönigen Charakter aus. Ruckers-Instrumente waren in der Regel außen "marmoriert" und innen mit vorgefertigten Tapeten ausgestattet. Die Innenseite der Deckel enthielt zumeist einen Sinnspruch, wie er auch auf dem Gemälde von Vermeer andeutungsweise zu erkennen ist. Die auf der Frontseite des Virginals vom Künstler skizzierten Ornamente finden sich auf zahlreichen Instrumenten besagter Werkstatt. Virginale, die ebenso wie das Cembalo zu den Kielinstrumenten gehören, deren Saiten jedoch anders als bei diesem quer zur Tastatur verlaufen, erfreuten sich insbesondere bei Frauen großer Beliebtheit. Sie ließen sich ihrer kompakten Form und vergleichsweise geringen Größe auch in beengtere Räumlichkeiten gut integrieren und hielten den Platz für Gleichgesinnte zur Kammermusik frei.

Gerard ter Borch: Das Konzert

Ein Maler, mit dem Vermeer nachweislich in Kontakt stand, ist der aus Zwolle stammende, etwa fünfzehn Jahre ältere Gerard ter Borch (um 1617–1681). Ter Borch schuf zwischen 1673 und 1675 ein Bild, das unter dem Titel Het concert bekannt ist und sich heute im Besitz der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin (Inv.-Nr. 791G) befindet. Das Gemälde zeigt eine Szene häuslichen Musizierens in einem Haus von gehobenem bürgerlichen Stande: Eine junge Dame spielt, mit dem Rücken zum Betrachter, sitzend ein tiefes Streichinstrument, vermutlich eine Gambe, während sie am Cembalo begleitet wird. Die ihr von ter Borch angelegte, silbrig-schimmernde Kleiderpracht ist typisch für den Maler. Ihrer meisterhaften Erfassung der Stofflichkeit wegen werden seine Bilder auch Satijntjes (Satinstückchen) genannt. Vergleichbare Cembali finden sich in unserer Sammlung von Andreas Ruckers (MIM Kat.-Nr. 2224) und Johannes Ruckers (MIM Kat.-Nr. 2227) aus den Jahren 1618 und 1627.

Fand die Gambe im 17. Jahrhundert auch bevorzugt im (broken) Consort oder als Continuo-Instrument Verwendung, gab es bereits einiges auch an Sololiteratur. Im 18. Jahrhundert formierte sich insbesondere in bürgerlichen Kreisen die Auffassung, das Spiel von Streichinstrumenten, vor allem der tiefen, sei deren Haltung wegen für Frauen äußerst unschicklich. Es erwecke "tausende Bilder", die es "nicht erwecken sollte". (Carl Ludwig Junker: Vom Kostüm des Frauenzimmer Spielens, 1783, zitiert nach Hoffmann, Freya: Instrument und Körper. Die Frau in der bürgerlichen Kultur, Leipzig, Frankfurt/Main, Insel verlag, 1991, S. 35)


Gerard ter Borch (1617–1681), Het Concert, Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin